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Ein Streifzug durch Modell- und Clubgeschichte
In
diesem Jahr (2003)können Mercedes-Benz-Freunde viele Jubiläen feiern.
Seit fünfundsiebzig Jahren gibt es die Mercedes-Benz Typen Stuttgart und
Nürburg.
Auch zwei „Große Mercedes“ haben Geburtstag: Der 770 ( W 150) wird fünfundsechzig,
der 600 (W 100) bereits vierzig. Genauso alt ist die Pagode. Seit fünfunddreißig
Jahren gibt es schon die Strichacht-Modelle, und der Ponton feiert seinen
fünfzigsten Geburtstag.
Als Ponton-Mann der ersten Stunde und Ponton-Typreferent in der Mercedes-Benz
Interessengemeinschaft schreibe ich gerne über fünfzig Jahre Ponton.
Heute kaum vorstellbar, fing auch Daimler Benz nach dem
zweiten Weltkrieg wieder sehr bescheiden an. Die unzerstörte Tiefziehpresse
im Werk Sindelfingen ermöglichte schon ab 1946 die Herstellung von Karosserien.
Der 170 V mit Holzaufbau wurde weitgehend wie das Vorkriegsmodell gebaut.
Den 170 S mit Ganzstahlkarosserie gab es ab 1949; 1951 kamen der 220 -
ein 170S mit Sechszylindermotor - und der große Repräsentationswagen 300.
Alle hatten ein separates Chassis, auf dem die Karosserie aufgeschraubt
war. Schon seit 1950 hatte Daimler-Benz ein völlig neues Mittelklassemodell
in der Entwicklung, das werksintern W 120 (W = Wagen) genannt wurde. Die
ursprünglich geplante Karosserie ähnelte einem verkleinerten 300 mit Stilelementen
des britischen Morris Minor, noch im Sommer 1952 wurden entsprechende
Prototypen rund um Stuttgart gesehen und fotografiert. Die Karosserieform
mit freistehenden Kotflügeln und markantem Kühler erwies sich schon während
der Erprobung als veraltet.
Recht spät in der Entwicklungsphase wurde eine völlig neue Karosserie
geschaffen.
Im Stuttgarter Werksarchiv existieren Zeichnungen vom 25. Oktober 1952,
die den W 120 in seiner endgültigen Version zeigen. Im Juli 1953 wurde
der neue W 120 als 170 Sc vorgestellt.
Die Typenbezeichnung 170 S war unlogisch. Schon 170 S und 170 Sb hatten
achtzehnhundert Kubikzentimeter Hubraum, waren also eigentlich bereits
180er. Nach dem Vorstandsbeschluß vom 18. August 1953 wurde das neue W-120-Modell
in 180 umbenannt. Auch die beiden weiter gebauten, vereinfachten 170er
erhielten die neuen Typenbezeichnungen 170 S-V und 170 S-D. Ursprünglich
sollten sie 170 Vc und 170 Dc heißen.
Der 180 stellte eine völlig andere Konstruktion dar als sein Vorgänger.
Die Karosserie des 170S war noch auf einem Rahmen aufgeschraubt, die Karosserie
des Ponton mit dem Rahmenboden verschweißt und in sich selbsttragend.
Als Rückgrat besaß der Ponton eine von Mercedes-Benz so genannte „Rahmenbodenanlage“.
In Anlehnung an den x-förmigen Ovalrohrrahmen des 170S bestand sie aus
einem mittleren und zwei äußeren Kastenträgern sowie mehreren Querträgern.
Die Pontonkarosserie war gegenüber der des 170 S deutlich verwindungssteifer.
Um das der konservativen Kundschaft zu verdeutlichen, wurden technische
Diagramme über Durchbiegung und Verwindung veröffentlicht. Es wurde auch
darauf hingewiesen, dass ein allzu konservatives Beharren auf einmal gefundenen
Lösungen (hier Fahrzeuge mit separatem Chassis) letzlich zur Unverkäuflichkeit
der Produkte führen könne…

Die solide Pontonkarosserie demonstrierte ein Unfall mit einem frühen
180 im Sommer 1954. Fahrzeug und Fahrer stürzten am Hohenzollern sechzig
Meter tief ab. Trotz mehrerer Überschläge und Aufschlagens auf dem Dach
war die Rahmenbodenanlage nicht verzogen und die Türen nicht aufgegangen.
Sie ließen sich öffnen, um den Fahrer herauszuholen, der sich ein paar
Prellungen zugezogen hatte.
Daimler-Benz erwarb den Unfallwagen, um Erfahrungen über
Deformation und Reparatur eines solch schweren Unfalles zu machen. Mit
vertretbaren Kosten wurde der 180 wie der
aufgebaut. Die Sicherheitsaspekte des genialen Mercedes-Benz-Konstrukteurs
und Erfinders Béla Barényi, wie die steife Fahrgastzelle mit nachgiebiger
Front- und Heckpartie, waren noch nicht in den Ponton eingeflossen. Erst
die Heckflosse ab 1959 war daraufhin ausgelegt.
1967 wurden ein 180 und ein 170 S gegen eine Betonmauer gefahren, um Erkenntnisse
über Unfallfolgen älterer Modelle zu bekommen. Zum Andenken an Béla Barényis
erste Sicherheitskarosserie sollte dann 1986 eine 220-Sb-Heckflosse gegen
die Wand gesetzt werden.
Leider wurde der falsche 220 S, nämlich ein 220-S-Ponton geknautscht!
Wegen dieser Verwechselung wird oftmals angenommen, der Ponton sei das
erste Fahrzeug mit Sicherheitskarosserie. Trotzdem hat sich die Pontonkarosserie
bei Unfällen recht gut bewährt. Unfälle mit dem Ponton in den letzten
Jahren gingen für den Fahrer meist glimpflich ab.
Eigentlich muß man die Ponton-Karosserie als mitttragend bezeichnen. Selbsttragende
Karosserien findet man erst bei den späteren Mercedes-Modellen, bei denen
die äußeren Blechteile wie Einstiegblech und Kotflügel mit in die tragende
Karosseriestruktur eingebunden wurden. In den fünfziger Jahren sprach
man bei einer Karosserie mit integrierten Kotflügeln von der „Pontonform“.
Da der 180 der erste Mercedes-Benz mit dieser Pontonform war, wurde der
180 schon in der 1950er Jahren im Sprachgebrauch als „Ponton“ bezeichnet.
Mercedes-Benz ging als einer der letzten Automobilhersteller
auf die Pontonform und die selbsttragende
Karosserie über. Borgward hatte mit dem Typ Hansa bereits 1949 diesen
Schritt vollzogen. Ein Problem der selbsttragenden Karosserie war die
Übertragung von Dröhngeräuschen von Motor und Antrieb. Für den 180 hatte
man dafür einen U-förmigen Fahrschemel entwickelt. Er trug Motor, Getriebe,
beide Vorderachshälften sowie das Lenkgetriebe und war mit Gummilagern
an der Karosserie angeschraubt. Das brachte auch eine beträchtliche Herstellungsvereinfachung,
da der ganze Block von unten in die Karosserie eingebracht wurde. Reparaturen
waren durch den Fahrschemel erheblich einfacher. So betrug der Lohnaufwand
bei einem Motortausch nur etwa ein Drittel gegenüber dem 170. Die geteilte
Kardanwelle diente ebenso wie der Gummibock am Hinterachträger der Geräuschisolierung.
Der Ponton war achtzig Kilogramm leichter als sein Vorgänger,
wozu auch kleinere Dimensionen von Achsen, Kardan und Schrauben beitrugen.
Die nicht mehr freistehenden, sondern in die Karosserie integrierten Kotflügel
brachten bei gleicher Grundfläche 22 Prozent mehr Innenraum. Schon die
vordere Innenbreite nahm um stattliche 15 Zentimeter zu. Die Fensterflächen
wurden 40, der Kofferraum gar 75 Prozent größer. Ähnliche Steigerungsraten
gab es später noch einmal beim Übergang vom Ponton auf die Heckflosse.
Die vielen Hohlkammerprofile und Falze, die die Festigkeit der Pontonkarosserie
gewährleisten, führten nach vielen Jahren zu Rostbefall. Von innen nach
außen rosteten die Hohlräume durch, da Kondenswasser nicht ausreichend
abfließen konnte. Das schon damals im Winter verwendete Streusalz verstärkte
den Rost noch deutlich. Rost war beim Vorgänger 170 S/220 auf lange Jahre
hinaus kein Thema, da nur wenige Hohlräume vorhanden waren. Erst über
zwanzig Jahre später rückte man dem Rostproblem selbsttragender Karosserien
durch vernünftige Wasserabläufe, Wachsversiegelungen in den Hohlräumen
und Abdichtungen der Falze zu Leibe.
Die
gegenüber den 170 S/220 technisch ähnliche Vorderachse aus doppelten Querlenkern
war konstruktiv vereinfacht in einen oberen und einen unteren Querlenker
mit Achsschenkelbolzen und Radnabe. Die oftmals undichte Zentralschmierung
der 170er-Modelle wurde beim Ponton durch Schmiernippel ersetzt. Da das
Abschmieren manchmal lästig und mühsam war, wurde das nicht immer mit
der notwendigen Sorgfalt ausgeführt oder ganz unterlassen. Nach einiger
Zeit war die Vorderachse ausgeschlagen.
Das Problem trat auch bei den Heckflossen- und den W-108-Modellen auf,
die die gleichen Achsgelenke besaßen. Die kleineren 13-Zoll-Räder waren
eine Modetorheit der 1950er Jahre. Die Straßenlage erwies sich gegenüber
dem 170 S als deutlich verbessert, weil die im Prinzip gleiche Zweigelenkpendel-Hinterachse
zur besseren Achsführung zwei zusätzliche Schubstreben erhielt. Es kam
allerdings vor, dass eine Schubstrebe aus dem durchgerosteten Wagenboden
herausbrach und durch die Federkraft wie ein Widerhaken auf die Fahrbahn
schlug!
Fahrzeuge mit Zweigelenkpendelachse wie der frühe Ponton, aber auch 170/220,
waren im Grenzbereich der Reifenhaftung nie unproblematisch zu fahren.
Die Hinterachse stellte sich mit stark positivem Radsturz auf (Aufstützeffekt),
was zum Umkippen des Fahrzeuges führen konnte. Von vornherein hatte man
auch andere Modelle und Motoren für den Ponton geplant.
Im Frühjahr 1954 kam der 180 D heraus, dessen Dieselmotor
OM 636 sich bereits in den 170er-Modellen und im Unimog bewährt hatte.
Der 180 D war das meistverkaufte Ponton-Modell. Zum gleichen Zeitpunkt
erschien der mit längerem Vorbau und längeren hinteren Türen besser proportionierte
220a mit dem prächtigen Sechszylindermotor des Vorgängermodells 220 (W
187). Er besaß von Anfang an die im Rennwagen W 196 erprobte hintere Eingelenkpendelachse
mit tiefliegendem Drehpunkt. 180 und 180 D mußten wie auch 300 und 300
S auf die neue Hinterachse bis Herbst 1955 warten, der 300 SL sogar bis
zum Frühjahr 1957.
Innen präsentierte sich der 220a deutlich luxuriöser mit
viel Holz an Armaturenbrett und Fensterschlüsseln. Der erste 180 übernahm
von seinem Vorgänger 170 Sb Motor, Getriebe und Schaltung. Der langhubige
Motor M 136 mit untenliegender Nockenwelle und stehenden Ventilen war
1953 bereits veraltet. Seit 1952 befand sich ein neuer Motor in der Entwicklung,
eine verkleinerte Ausgabe des modernen Sechszylindermotors M 180 im 220:
Der neue Vierzylindermotor M 121 wurde erstmals 1955 im 190 SL herausgebracht.
Leistungsreduziert kam er 1956 im 190, mit Einfachvergaser im 180 ein
Jahr später. Aus dem 220a wurde 1956 durch eine Zweivergaseranlage der
220 S. Ein weiteres Modell kam mit dem 219 hinzu, ein 190er mit dem Sechszylindermotor
des früheren 220a. Ab 1958 gab es zusätzlich einen neuen kurzhubigen Dieselmotor
OM 621 mit obenliegender Nockenwelle im 190 D. Der 220 S war auch mit
einen Einspritzmotor zu haben und hieß dann 220 SE. Die Heckflossenmodelle
lösten 1959 die Sechszylinder-Limousinen 219, 220S und 220SE ab. Die Vierzylindermodelle
behielten die Pontonform, wurden aber mit verbreiterter Kühlermaske und
kräftigeren Stoßstangen modernisiert. Heute würde man da von einem Facelift
sprechen. 1961 erhielten auch 190 und 190 D die Heckflossenkarosserie.
Als Auslaufmodelle wurden 180c und 180 Dc noch bis Oktober 1962 weitergebaut.
Damit ging die Ponton-Ära zu Ende. Sie begann mit dem 180 und endete auch
mit dem 180.
Übrigens war auch der bis Februar 1963 gebaute 190 SL ein echter Ponton,
auch wenn das viele Besitzer überhaupt nicht wahrhaben wollen. Er besaß
die im hinteren Fußraum um 250 mm verkürzte Rahmenbodenanlage, das komplette
Fahrwerk und fast die gesamte Technik des Ponton!
Anfang
1954 baute Mercedes-Benz je ein 180 A- und B- Cabriolet. Das A-Cabriolet
mit verkürztem Radstand wurde zugunsten des 190 SL fallengelassen, das
stark an die 180er-Limousine angelehnte B-Cabriolet auch nicht weiterverfolgt.
Stattdessen gab es von 1956 bis 1960 auf Basis des 220 S/SE ein Coupé
und Cabriolet A/C mit eigenen Stilelementen. Es war schon damals so, daß
die Mercedes-Wagen deutlich teurer waren als andere Mitbewerber. So kostete
der 180 von 1953 schon 9.950,- DM, aber 150,- weniger als der Vorgänger
170 Sb. Das waren schon mal 700,- DM mehr als der Opel Kapitän mit dem
2,5-Liter-Sechszylindermotor. Bereits im Frühjahr 1954 wurde der 180 um
500,- DM billiger. Mit Erscheinen des 190 reduzierte sich der Preis des
180 nochmals auf 8.700,- DM. Preissenkungen blieben die Ausnahme bei Daimler-Benz.
Sie wiederholten sich bis heute noch einmal im März 1994... 220a und 220
S kosteten 12.500,- DM, der verkannte 219 zweitausend Mark weniger. Aber
immer schon hatte Daimler-Benz eine Käuferschaft, die für diese begehrten
Automobile mehr Geld auszugeben bereit war.
Die Verkäufer wußten sehr genau Wünsche und Begehrlichkeiten der Kundschaft
einzuschätzen. Verhandlungen über niedrigere Preise blieben bei langen
Lieferzeiten Illusion. Die hochwertigen Mercedes-Benz-Fahrzeuge boten
aber stets in scheinbar unwichtigen oder nicht direkt sichtbaren Details
perfekte Lösungen. Man fuhr damit lange Strecken und merkte, dass nichts
negativ auffiel.
Billig waren Mercedes-Fahrzeuge noch nie gewesen, auf lange Sicht aber
sicher robust, wirtschaftlich und langlebig. Das hat sich bis heute nicht
geändert. Wir Oldtimerfahrer profitieren heute von den schon damals soliden
Fahrzeugen. Der Ponton verkaufte sich hervorragend. Durch das beginnende
Wirtschaftswunder konnten sich viele einen Mercedes-Benz leisten. Die
Verkaufszahlen wuchsen in den ersten Jahren sogar in deutlich zweistelligen
Prozentzahlen. Von der Ponton-Baureihe wurden insgesamt 549.369 Fahrzeuge
gebaut. Davon waren 198.042 Vierzylinder mit Benzinmotor, 234.921 Dieselmodelle,
111.035 Sechszylinder-Limousinen, sowie 2.081 Coupés und 3.290 Cabriolets.
Der Ponton wurde würdiger Nachfolger der 170/220-Typen und setzte den
einmaligen Ruf der Marke Mercedes-Benz fort. Offenbar war zu seiner Zeit
der Ponton das beste Automobil der Welt. Sowohl in der Betriebsanleitung
auf Seite 5, als auch im ersten, mittlerweile nachgedruckten Prospekt
vom Herbst 1953 stand zu lesen: „Der Typ 180 vereinigt in sich die Vorteile
des bisherigen großen und schweren Reisewagens hinsichtlich Federung und
Innenraum mit den guten Fahreigenschaften des Sportwagens sowie die Sicherheit
des schweren Fahrzeugs mit der Wirtschaftkeit der Mittelklasse.“ Das läßt
sich nicht mehr steigern!
Wenn man die Pontonkarosserie näher betrachtet, wird man
deutliche Parallelen mit dem
Vorgängermodell feststellen. Dach und Scheiben sind 170 S/220 wie aus
dem Gesicht geschnitten. Der Vorderbau hatte Ähnlichkeit mit einem 220
(W 187), dessen freistehende Kotflügel in die Karosserie integriert wurden.
Der hochformatige Kühlergrill wurde beibehalten. Er war aber nur noch
Attrappe, da kein Kühler mehr darin war. Beim Öffnen der Motorhaube ging
die Kühlermaske mit nach oben und sorgte auch bei den Nachfolgemodellen
dafür, dass sich Generationen von Automechanikern und Hobbyschraubern
den Hinterkopf daran stießen. Die spitzen Kanten des Pontonheckdeckels
wirkten noch schlimmer. Das Heck wies eine Ähnlichkeit mit dem 300 auf.
Die gesamte Handschrift war aber unverkennbar nach Art des konservativen
Hauses. Der Ponton war außerdem der erste „Erkönig“ der Motorpresse.
Erlkönige sind heutzutage
in übertragenem Sinn von Goethes Sagengestalt Versuchswagen, die streng
geheim im Sraßenverkehr erprobt werden. Auto motor und sport veröffentlichte
erstmals im Sommer 1952 ein recht unscharfes Foto. Es zeigte, wie eingangs
beschrieben, einen verkleinerten 300 im Morris-Minor-Stil. Die Redaktion
(Werner Oswald) kommentierte das Foto mit einem dem echten Erlkönig nachempfundenen
Gedicht. Im Herbst 1952 wurde dieser Karosserieentwurf völlig verworfen
durch die ein Jahr später tatsächlich gebrachte Version.
Anfang der siebziger Jahre reiften 170/220 über Liebhaberfahrzeuge
hinaus zum Oldtimer. Lange galt der Ponton in diesen anfänglichen Oldtimerzeiten
als verpönt. Die klassische Silhouette der freistehenden Kotflügel konnte
er nun mal nicht bieten. Dagegen wirkte er zu modern. Das änderte sich
ein paar Jahre später. In einer Depesche des Mercedes-Benz-Veteranenclubs
von Deutschland war im Frühjahr 1977 zu lesen, dass sich in Heidelberg
eine Interessengemeinschaft für Ponton-Fahrzeuge gebildet hatte. Auf einem
Informationsstand auf der Veterama im Oktober 1977 stellte man zwei Pontons
aus, einen im guten und einen im Schrottzustand. Leserbriefe in der Depesche
sorgten für hitzige Diskussionen darüber, ob sich der MVC auch mit den
Pontonmodellen beschäftigen sollte. Zwei Jahre später gründete ein damals
völlig unbekannter Student namens Dieter Ritter aus Bonn die „Interessengemeinschaft
Ponton-Mercedes“. Im Juni 1981 gab es das erste Ponton-Jahrestreffen in
Rech an der Ahr, zu dem über sechzig Fahrzeuge kamen. Schon zu Anfang
waren auch die Heckflossenmodelle dabei, denen man in der Clubzeitschrift
„Ponton-Kurier“ die Sb-Seiten und Sb-Nachrichten widmete. 1983 wurden
die 108/109-Seiten hinzugefügt. Mit der Zeit kamen jüngere Mercedes-Benz-Generationen
dazu, so dass der Name IG Ponton nicht mehr gut paßte.
Hoffentlich gerät der Ponton bei den vielen Folgegenerationen als Clubursprung
nicht in den Hintergrund! Die Interessengemeinschaft Ponton-Mercedes änderte
wegen der Aufnahme der jüngeren Baureihen ihren Namen in „Mercedes-Benz
Interessengemeinschaft“, mit dem Zusatz „der Club für klasische Mercedes-Benz
Fahrzeuge.“ Von manchen wird das als Anmaßung angesehen. Sie sollten zur
Erinnerung den Absatz vorher noch einmal genau lesen. Auf Stammtischen
und Treffen bringt das Zusammensein mehrer Mercedes-Benz-Clubs keine Probleme
mit sich. Im Laufe der Jahre fanden immer jüngere Fahrzeugbaureihen nicht
nur von Mercedes-Benz ihre Liebhaber. Durch diese Inflationierung schien
den Älteren der Begriff „Oldtimer“ ad absurdum geführt.
Für das Bundesverkehrsministeruim mußte der Begriff wegen
möglicher finanzieller Erleichterungen exakt definiert werden. Im MVC
war man ziemlich einmütig der Auffassung, dass es sich dabei nur um Fahrzeuge
bis 1955 handeln könne. Bei den wenigen jüngeren, die überhaupt als erhaltenswert
angesehen werden könnten, könne höchstens von klassischen Fahrzeugen gesprochen
werden. Die vielen anderen Markenclubs hatten jüngere Interessen und sahen
das naturgemäß anders. Schließlich wurde dann eine Altersgrenze von dreißig
Jahren festgelegt. Sie ist die Voraussetzung für das seit 1997 mögliche
H-Kennzeichen, das eine pauschale Kraftfahrzeugsteuer von 375,- DM oder
heute 191,73 € vorsieht. Die Restaurierung eines Pontons kann aufwändig,
langwierig und teuer werden. Die vielen Hohlräume können durchrosten.
Bei richtiger Sanierung müssen die alten Bleche herausgetrennt und neue
eingeschweißt werden. Früher wurden da schon mal einfach neue Blechstreifen
„drübergebraten“, bis irgendwann dann beide wegfaulten. Rostschwachpunkt
ist die A-Säule. Hier sind drei Bleche beteiligt, nämlich der Innenkotflügel,
das Blech, an dem die Tür angeschraubt ist, sowie das Verstärkungsblech
zwischen diesen beiden. An der C-Säule läuft ebenfalls jeder Tropfen Kondenswasser
in einen Hohlraum an der Anschraubkante des hinteren Kotflügels. Jeder
Tropfen höhlt das Blech. Auch die äußeren Rahmenschalen oder das vordere
Querrohr rosten durch. Bei den Sechszylindermodellen passiert das weniger,
weil sie dickere Rahmenschalen haben. Türen und Kotflügel sind mit ihren
ungeschützten Falzen ebenfalls rostgefährdet. So gut wie alle Blechteile
sind heute noch oder wieder bei Mercedes-Benz oder den Ersatzteilhändlern
zu meist exorbitanten Preisen erhältlich. Die Restaurierung einer 170-S/220-Karosserie
verschlingt im Vergleich nur die Hälfte der Kosten einer Ponton-Karosserie.
Glücklicherweise sind die meisten Teile wie beim 170 S/220 angeschraubt,
so daß Türen, Kotflügel und Einstiegblech leicht abgenommen werden können
und man dann gut an die Karosserie herankommen kann. Die Restaurierungskosten
einer Ponton-Limousine können, mehr noch als beim Vorgänger 170 S/220,
den Marktwert weit übersteigen. Bei Coupé und Cabriolet ist die Diskrepanz
geringer, da sie mehr wert sind. Die meisten Karosserieteile wurden jedem
Ponton-Coupé und -Cabriolet speziell angepaßt. Andere Blechteile sind
daher meist nicht passgenau, ähnlich wie beim A-Cabriolet 170 S/220.
Die schnelllebige Zeit brachte es schon damals mit sich,
dass es in relativ kurzem zeitlichen Abstand viel Neues gab. 1949 kam
der 170 S mit Ganzstahlkarosserie, der selbsttragende Ponton 1953 und
schon 1959 erschienen die Heckflossenmodelle. Der schnelle Fortschritt
bescherte in nur zehn Jahren drei neue Baureihen. Jede Mercedes-Benz-Modellreihe
hat ihre Liebhaber. Den Anfang machte der MVC 1971, also sechzehn Jahre
nach Produktionseinstellung von 170 und 220. Heute träfe das für den W
123 zu, dessen Produktion vor achtzehn Jahren (1985) eingestellt wurde.
Seit vielen Jahren gibt auch für diesen letzten Mercedes-Benz mit verchromten
Stoßstangen eine Interessengemeinschaft.
Aber so weit wollen wir doch nicht ausschweifen. In diesem Jahr feiern
wir den 50. Geburtstag des Ponton. Die Geburtstagsfeier war am 6. September
im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart-Untertürkheim!
Helmut Baaden

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